Krisenmanagement nach der Kastration: Meine Maus wacht nicht auf!?

Wer einen Mäusebock kastrieren lässt, weiß um das Narkoserisiko – wenn er an einen guten Tierarzt gerät und aufgeklärt wurde. Aber selbst das schützt nicht vor lebensbedrohlichen Komplikationen nach der Kastration. Diese Seite soll Ihnen helfen, wenn nicht alles glatt läuft. Im Idealfall stellen Sie den Patienten nach einer grundlegenden Stabilisierung nochmal einem kundigen Tierarzt vor. Diese Seite ist außerdem dazu gedacht, in Mäusen noch unerfahrenen Tierärzten einen Einblick in ein bewährtes Management für diesen Notfall zu geben. Deshalb sind die Angaben so präzise wie in einer Verallgemeinerung möglich. Nehmen Sie dies als Halter bitte nicht als Einladung zum Alleingang, wenn Sie die Möglichkeit haben, einen kundigen Tierarzt oder anderweitig erfahrenen Profi hinzuzuziehen.

WICHTIG!
Die hier genannten Dosierungen gelten für durchschnittliche Farbmäuse und ähnlich große bzw. schwere Tiere. Sie müssen daher bei größeren bzw. schwereren oder kleineren bzw. leichteren Arten entsprechend angepasst werden!

Was ist normal nach einer Kastration?

Je nach Narkoseform kann es etwas dauern, bis der Mäuserich nach der Kastration wieder wie gewohnt läuft, agiert und frisst. Bei einer normal verlaufenden Gasnarkose sind die Jungs nach etwa 10 bis 30 Minuten wieder voll orientiert und zeigen ein unauffälliges Bewegungsmuster. Bei einer Misch- oder reinen Spritzennarkose kann es mehrere Stunden dauern, bis Orientierung und Bewegung wieder arttypisch und sauber sind.

Typisch für den Aufwachprozess: Die anfangs sehr unkoordinierten und tapsigen Bewegungen werden wieder gezielter. Die Tiere liegen zunehmend weniger, fallen nicht mehr (so schnell) um und wirken weniger müde.

Wenn sich Ihr Mäuserich im Zustand nicht sichtbar im Zeitverlauf bessert oder sich der Zustand sogar verschlechtert, müssen Sie handeln – und zwar schnell! Andernfalls kann das den Tod Ihres Schützlings bedeuten.

Verschlechterungen sind beispielsweise:

  • zunehmend schlechtere Koordination
  • zunehmende Apathie
  • sinkende Körpertemperatur
  • Nahrungsverweigerung auch Stunden nach der OP
  • weißliche, langsam größer werdende Punkte auf den Augen

Ignorieren Sie niemals diese Alarmzeichen und lassen Sie sich auch nicht erzählen, diese Phänomene seien normal und/oder harmlos!

Was sind das für Punkte auf den Augen?
Bricht der Kreislauf nach und nach weg und kann das Herz zunehmend weniger leisten, vermindert der Körper zunehmend die Durchblutung der Peripherie, um die zentralen, lebenswichtigen Organe weiter mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgen zu können. Durch diesen Prozess bekommen Mäuse auf den Augen in der Mitte winzige, runde, graue Punkte, die anfangs so groß wie Stecknadelspitzen sind und sich im Zeitverlauf vergrößern, bis sie das ganze Auge einnehmen. Ist das gesamte Auge grau, ist die Maus meist nicht mehr zu retten. Daher müssen Sie schon beim kleinsten Anzeichen handeln!
Typisch: Sie entwickeln sich innerhalb von Minuten und gleichmäßig immer auf beiden Augen. Dadurch unterscheiden sie sich deutlich vom Star, der auch nur ein Auge betreffen kann und Wochen bis Monate braucht.

Kastration: Risiken nach der OP minimieren

Die Narkose ist immer ein Risiko – das gilt umso mehr, je kleiner ein Tier ist. Kleine Tiere wie Mäuse haben zudem das Problem, dass sie schnell auskühlen – auch nach der Narkose noch. Halten Sie Ihre kleinen Mäuseriche also gut warm auf dem Heimweg und auch mindestens die ersten 24 Stunden zu Hause (bei Spritzen- und Mischnarkose besser 48 Stunden). So vermeiden Sie oft einen Zustand, der schnell lebensbedrohlich werden kann. Geeignet sind beispielsweise:

  • Snuggle Safe
  • Wärmflasche
  • Wärmelampe
  • Wärmematte

Da Mäuse einen sehr schnellen Stoffwechsel haben und sich nicht erbrechen können, sollten sie bis direkt vor der Narkose Zugang zu Futter haben. Sollte ein Tierarzt von Ihnen fordern, Ihre Tiere nüchtern vorzustellen, verzichten Sie auf einen Termin dort und suchen Sie nach einem versierteren Kollegen!

Auch nach der Narkose sollten die frischen Kastraten sofort wieder Zugang zu Futter haben. Sind sie noch sehr platt (also vor allem nach Spritzen- und Mischnarkose), können Sie es den Kleinen leichter machen, indem Sie Brei oder zarte Haferflocken anbieten. Die können die Nager besonders einfach aufnehmen.

Farbmaus in Spritzennarkose
Noch nicht wieder fit: Farbmaus nach Spritzennarkose

(Lebens)WICHTIG!
Lassen Sie sich NIEMALS ein (halb) schlafendes Tier wieder mitgeben! Die Praxis hat gezeigt, dass es extrem oft zu schweren und nicht selten tödlichen Komplikationen kommt, wenn Laien halb oder sogar komplett schlafende Tiere betreuen sollen. Ein wenig (!) wackelig dürfen die Jungs nach einer Spritzen- oder Mischnarkose noch sein. Sie sollten aber schon gut und gezielt laufen und  sicher sitzen können. Außerdem sollten sie schon wieder reges Interesse an ihrer Umwelt hegen. Nach einer reinen Gasnarkose sollten Ihre Mäuse ganz normal auf Sie wirken, wenn Sie sie abholen. Gab es Komplikationen während oder nach der OP, sollten Sie unabhängig von der Narkoseform nur komplett wache, vollständig orientierte und koordinierte Nager annehmen. Fragen Sie daher bitte vor der Terminvereinbarung in einer neuen Praxis danach, ob es hier üblich ist, die Tiere auch halb wach wieder mitzugeben bzw. wie das Prozedere ist, wenn sie bei Praxisschluss noch nicht ganz wach sind.

Notfallmaßnahmen bei Kreislaufkollaps nach der Kastration

Das nachfolgende Prozedere gilt bei hellen Punkten in den Augen und/ oder einem akut schlechten Zustand (z.B. mit starker Apathie, gesträubtem Fell, sehr unkoordinierten Bewegungen und beginnendem Temperaturverlust).

Um das Herzkreislaufsystem abzufangen und wieder anzukurbeln braucht es drei Komponenten:

  • medikamentöse Unterstützung
  • Wärme
  • physikalische Anregung

Die medikamentöse Unterstützung können Sie zum einen vornehmen mit Effortil. Dieses Medikament mit dem Wirkstoff Etilefrin bewirkt eine Verengung der Blutgefäße und verstärkt den Herzschlag. So steigt der Blutdruck wieder und der Kreislauf wird angeregt. Gehen Sie mit diesem Medikament vorsichtig um, da es schnell überdosiert werden kann. Vorteil bei Effortil: Der Wirkstoff wird auch von der Schleimhaut im Maul aufgenommen. Das Medikament muss nicht abgeschluckt werden.

Etwas milder, aber durchaus effektiv ist die Kombination aus koffeinhaltigem Kaffee und Traubenzucker. Ihr Vorteil: Beides ist in fast jedem Haushalt vorhanden. Mehr über den Einsatz sowie einen Dosierungsvorschlag können Sie in der Notfallapotheke nachlesen.

Die zweite Komponente für die Notfallmaßnahmen ist Wärme. Um ein Auskühlen des Patienten zu verhindern und den Kreislaufzusammenbruch auszubremsen, müssen Sie nämlich die Körpertemperatur unterstützen. Als besonders effektiv hat sich Rotlicht in der Praxis erwiesen. Ist das nicht vorhanden, tut es aber jede temporäre oder konstante Wärmequelle, die eine Temperatur von rund 38°C spenden kann. Die Handwärme reicht dafür nicht aus!
Für Ihre Orientierung: die Fläche, auf der der Patient liegt, sollte wärmer als handwarm sein, aber noch eine angenehme Wärme haben.

Schritt-für-Schritt-Anleitung: Vorgehen bei der Kreislaufstimulation

Geben Sie dem Patienten eine Erstdosis der Ihnen möglichen Medikation und machen Sie etwa 1-2 Minuten lang die Verbeugungen. Kontrollieren Sie dann die Vitalzeichen und Zustand Ihres Patienten. Geht es ihm deutlich besser? Dann legen Sie die Maus auf bzw. unter der Wärmequelle ab und beobachten weiter engmaschig seinen Zustand.

Spricht der Patient nicht sofort darauf an, machen Sie etwa 5 Minuten weiter Verbeugungen und Kontrollen. Erst wenn sich dann keine Besserung zeigt, dosieren Sie die Medikation nach.
Achtung: Bei Effortil sollten Sie nicht mehr als 3-4 Tropfen pro Stunde geben. Kaffee können Sie im Zweifel in den ersten 15 Minuten bis 5 Tropfen alle 5 Minuten nachdosieren, dann einen Tropfen alle 15 Minuten. Diese Dosierung berücksichtigt, dass Patienten in einem solch schlechten Zustand in der Regel nicht den gesamten Tropfen aufnehmen.

Geben Sie Ihren Patienten nach 5 Minuten auf bzw. unter die Wärmequelle und schauen Sie, ob sich der Zustand verbessert. Beobachten Sie etwa 2-3 Minuten, falls es der Maus nicht vorher sichtbar schlechter geht. Bessert sich der Zustand nicht oder verschlechtert er sich sichtbar, nehmen Sie den Patienten wieder in die Hand und wiederholen das 5-Minuten-Prozedere, bevor Sie ihn wieder warm legen.

Diese Prozedur führen Sie erst mit, später ohne Medikation in jedem Zyklus so lange durch, bis der Zustand sich – hoffentlich – bessert.
Wichtig: Je nach Situation kann diese Form der Behandlung zwischen 15 Minuten und mehr als 2 Stunden in Anspruch nehmen. Wenn der Patient nicht sofort „wiederkommt“, gilt: Es gibt Hoffnung, bis die Maus wirklich verstorben ist. Eine Reanimation ist dann in der Regel nicht mehr sinnvoll.

Physikalische Anregung des Kreislaufs

Sie nehmen den Patienten in eine Hand und schließen diese soweit bei der Mausart von der Größe her möglich.

Nehmen Sie beide Arme, kreuzen Sie diese vor der Brust, sodass die Hände unterhalb der Schlüsselbeine liegen („Ägypter“-Armhaltung).

Beugen Sie sich nun mit dem Oberkörper soweit wie möglich nach vorn unten und richten Sie sich wieder auf. Orientieren Sie sich für das Tempo an Ihrer Atmung: Ausatmen – runter, einatmen – hoch.